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| Antike Vorurteile und Vorwürfe gegenüber dem Christentum |
| Ritualmord im Christentum - Ursprünge und Ursachen eines antiken heidnischen Vorurteils |
Die folgenden Ausführungen sind im Wesentlichen eine Zusammenfassung von Franz Joseph Dölger, „Sacramentum infanticidii.“ Die Schlachtung eines Kindes und der Genuß seines Fleisches und Blutes als vermeintlicher Einweihungsakt im ältesten Christentum, in: Ders., Antike und Christentum IV, Münster 1934, S. 188-228. Den Ausgangspunkt unserer Untersuchung bildet Tertullians Apologeticum, Kapitel VIII: dort schildert er eine Szene, die einer Weihevorbereitung exakt nachgebildet ist. Zunächst interpretiert Dölger diese Szene und zeigt auf, dass Tertullian den Heiden vor allem den religiösen Widersinn vor Augen führen will, der darin liegt, dass man annimmt, auf Grund eines solchen Initiationsritus Unsterblichkeit erlangen könne. Tertullian beruft sich dabei auf die heidnische Mysterienfrömmigkeit, die durch den Einweihungsritus die Erlangung ewigen Lebens annimmt. Das schlägt sich etwa in dem Griechischen Ausdruck für diese Weihe, teletê, aber auch in dem von Tertullian verwendeten Ausdruck initiatus et consignatus nieder[1], was im Grunde nur eine Umschreibung für den Ausdruck sacramentum im Sinne einer weihenden Handlung ist. Es existierte also der von den Heiden ans Christentum herangetragene Vorwurf des sacramentum infanticidii[2], eines Einweihungsritus der in der Ermordung eines Kindes bestand, konstatiert Dölger. Zudem werde dieser Vorwurf von den Heiden als Zauber-Ritual aufgefasst. In den Zauberpapyri gibt es mehrere Belege für eine Anlehnung der Wortwahl eines Zauber-Ritus an die einer religiösen Zeremonie.[3] Die Christen waren als Zauberer verschrien und der mit der Zauberei verbundene Vorwurf des infanticidium wurde ebenfalls auf sie übertragen. Der Vorwurf existierte wohl schon seit dem Anfang des zweiten Jahrhunderts (Plinius-Brief (X 96,7): morem … coeundi ad capiendum cibum, promiscuum tamen innoxium) In der Mitte des zweiten Jahrhunderts scheint der Vorwurf der rituellen Kindstötung und des anschließenden Verzehrs schon weit verbreitet zu sein; die griechischen Apologeten weisen ihn immer wieder zurück. Dölger stimmt Heinze nicht zu, wenn dieser annimmt, der Vorwurf des rituellen Kindsmordes sei nur indirekt aus dem Vorwurf des Verzehrs erschlossen worden. An verschiedenen Stellen der antiken Literatur[4] kann man die Wortwahl der Anschuldigungen herauslesen; Den Christen wird Menschenfresserei, also Kannibalismus vorgeworfen. Damit stellt man die Christen auf eine Stufe mit den Skythen oder den Massageten, also den unzivilisiertesten Völkern, die man kannte. Verbreitung fanden diese Anschuldigungen wohl durch den nordafrikanischen Redner Fronto zur Zeit Kaiser Mark Aurels. Aber auch noch unter Philippus Arabs (244-249) warf man solches den Christen vor. Die Frage nach dem Ursprung des Vorwurfs des Kinderschlachtens und Kinderessen ist nach Dölger bisher nur unzureichend erörtert worden. Er gibt einen Überblick über bis dato erschienene Werke zu dem Thema: Kortholt 1683[5] legt lediglich die Entstehung des Vorwurfs des Inzests dar. Seiner Meinung handele es sich dabei um ein Missverständnis der Bezeichnung Bruder und Schwester, Kortholt geht aber auf das infanticidium nur in der Form ein, dass er widerlegt, dass dieser Vorwurf durch gnostische Gruppen entstanden sein könne, wie es Eusebius vermutet hatte. Wormius 1695[6] widerlegt ebenfalls die Auffassung, dass der Vorwurf auf die Gnostiker zurückgehen soll, indem er als Beleg für diesen Vorwurf schon im 1. Jh. Plinius anführt. Wormius sieht den Vorwurf der Anthropophagie eher aus der Tatsache erwachsen, dass sich die Christen in Zeiten der Bedrohung und zur Anbetung der Märtyrer in die Katakomben zurückgezogen haben. Das Martyrium sei als Bluttaufe verstanden und von den Christen zur Tilgung aller Sünden als sehr erstrebenswert erachtet worden. Dies sei von den Heiden missverstanden worden, in dem Sinne, dass man annahm, dass die Christen bei ihren Versammlungen in den Katakomben zu dem Sühneakt Blut verwendeten. Das Missverständnis der Eucharistie hätte nach Wormius nur zur Erweiterung dieses Gerüchts beigetragen. Das wird von Dölger aber bestritten, da Wormius die Katakomben fälschlicherweise als Zufluchtsstätten bewertet. Außerdem sei eine derart komplizierte Entstehung eines solchen Vorwurfs unwahrscheinlich. Waltzing[7] nimmt an, dass sich die Entstehung des Vorwurfs der Anthropophagie vollkommen aus dem Abendmahl als Teilnahme an Leib und Blut Christi erklären lasse. Er stützt sich dabei auf Tert. ux. II 4: convivium dominicum illud, quod infamant und auf Joh 6,53: eipen oun autois ho Iêsous: amên amên legô hymin ean mê phagête tên sarka tou hyiou tou anthrôpou kai piête autou tou to haima ouk echete zôên en heautois. nach oben
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| 1.Vorwurf der Juden gegen die Christen Achelis, H.: Das Christentum in den ersten drei Jahrhunderten I, Leipzig 1912, S. 205 geht davon aus, dass ein Vorwurf, der gegen die Juden erhoben wurde, nun auf die Christen angewendet wird. Er stützt sich dabei auf Flavius Josephus, Contra Apionem II 7, eine Stelle die allerdings nach Meinung Dölgers zu dem Vorwurf des infanticidium nicht allzu viel hergibt, da lediglich von der Ermordung eines Erwachsenen die Rede ist, und diese nicht einmal zu einem kultischen Zwecke. Die Schilderung des Apion bei Flavius Josephus begegnet in kurzer Form auch bei Suidas, Lexicon I zweimal und wird hier dem Damokritos zugeschrieben. Dort wird auch davon berichtet, dass die Juden einen goldenen Eselskopf verehren. Letztere Legende ist nachweislich auf das Christentum übertragen worden, was vor allem möglich war, weil die Heiden zwischen Judentum und Christentum zunächst keinen Unterschied machten.[8] Aber dennoch kann die Begründung von Achelis für den Kindsmord und –verzehr als Initiationsritus nicht als vollständig angesehen werden und bedarf noch einiger Untermauerung. 2.Verschwörungsritual Bei Plinius ep. X 96 erscheinen die Christen nach dem, was die Verhandlung gezeigt hatte, als eine religiöse Genossenschaft, die sich nachts versammelt und daher mit dem Verdacht nächtlicher Verschwörung und nächtlichen Zaubers belegt wird. Dies wird bei Plinius durch die Verwendung des Begriffs sacramentum deutlich. Dies kann man sowohl als Weihehandlung als auch als religiöse Eidverpflichtung ansehen. Ein Menschenopfer mit anschließender Anthropophagie als Akt der Verschwörung begegnet in der antiken Literatur im Zusammenhang mit der Catilinarischen Verschwörung.[9] So bei Dio Cassius, Historia Romana 37,30 und Plutarch, Cicero 10,4 u.a. Alle gehen wohl auf die Darstellung des Sallust (De Catilinae coniuratione 22) zurück, wo es noch lediglich als Gerücht angeführt wird. Tertullian und Minucius Felix kennen diesen Bericht ebenfalls.[10] Ein Unterschied besteht allerdings in der Auffassung von der Gewinnung des Bluts, das als Verschwörungstrank benutzt wird. Tertullian sagt, er wisse es nicht, Minucius Felix lässt es offen, während bei Sallust ganz klar von der Tötung eines Menschen ausgeht.[11] Diese Schilderung bei Sallust ist von großer Bedeutung, da sie zeigt, was man Verschwörern zutraute. Dies konnte leicht auch den Christen geschehen, zumal bei ihnen noch der Verdacht des Zaubers hinzutrat. 3.Zauberei Vorwurf des Kindeschlachtens ist typisch gegenüber Zauberei. Dieser Vorwurf ist meistens mit dem haruspicium verknüpft[12]. Allerdings ist es in der Antike üblich, das Fleisch des Opfertiers anschließend zu essen. Der Zauberer gilt in der Antike als Übeltäter schlechthin. Und so gibt es in der antiken Literatur zahlreiche Belege dafür, dass Zauberern Kindsmord zugeschrieben wird.[13] Ein Grund für diese Tatsache ist wohl darin zu sehen, dass die Seelen frisch getöteter Kinder als Rachegeister als für den Schadenszauber besonders geeignet angesehen wurden. Die Kindstötung als Bestandteil des Wahrsagezaubers war zudem tief im Volksglauben verwurzelt. 4.Einweihungsfeiern in gnostischen Kreisen Die christlichen Parteien warfen sich untereinander den heidnischen Anschuldigungen recht ähnliche Dinge vor.[14] Bei den Montanisten soll ein sogenanntes mysterium cynicon bestanden haben, was besagt, dass die Gemeinde am Pascha-Fest das Blut eines Kindes in das Opfer mischt und dann dieses Opfer der Gemeinde zusendet.[15] Weitere Belege hierfür finden sich bei Augustinus, De haeresibus 26. Schon Tertullian widerlegt in seiner Schrift gegen Papst Soter[16] diesen Vorwurf für die Montanisten. Diese innerchristlichen Fehden haben mit Sicherheit dazu geführt, dass die Heiden ihre Meinung bestätigt sahen und auf die gesamte Christenheit übertrugen.[17] Das Gerücht ist aber nicht erst mit dem Auftreten des Montanismus erwachsen, sondern bestand schon vorher. Außerdem ist es wahrscheinlicher, dass – wie Epiphanius schreibt – solche Ausschweifungen eher bei libertinistischen Gnostikern aufgetreten sind.[18] Hierbei wird Epiphanius wohl eine glaubwürdige Quelle sein, wie andere Details aus koptischen Schriften belegen.[19] Damit kommt man dem Ursprung des heidnischen Vorwurfs ein gutes Stück näher. Auch Klemens von Alexandrien berichtet von einer solchen Sekte, den Karpokratianern, eben das, was später den Christen vorgeworfen wird, nämlich Mahl, Umstürzen der Leuchter, wahllose Unzucht[20]. Für solche Ausschweifungen bei den Karpokratianern gibt es in der Literatur zahlreiche weitere Belege, die annehmen lassen, dass es sich zumindest zum Teil um wirkliche Vorfälle gehandelt haben muss. Irenäus merkt ausdrücklich an, dass die Ausschweifungen der Karpokratianer dazu Anlass gegeben haben, diese Vorwürfe auf die Christen auszudehnen.[21] Ein solcher Hinweis findet sich auch bei Euseb, wo auch implizit vom infanticidium die Rede ist.[22] Justin gibt einen Hinweis schon für die erste Hälfte des 2. Jahrhunderts, wobei er den Vorwurf zu widerlegen versucht, dass es das sacramentum infanticidii im Christentum als Einweihungsakt gegeben habe[23], der ja auch für Tertullian entscheidend ist. Allerdings bleibt festzuhalten, dass der Vorwurf des infanticidium gegen christliche Sekten, besonders gnostische Gruppen, einen solchen Vorwurf gegen das Christentum insgesamt und die christliche Kirche nicht hervorgerufen, wohl aber bestärkt hat, so dass er über mehrere Jahrhunderte hinweg bestehen konnte. 5.Missverständnis der Eucharistie Joh 6,53 („Wenn ihr das Fleisch des Menschensohnes nicht essen und sein Blut nicht trinken werdet, so werdet ihr das Leben nicht in euch haben.“) beschreibt den Verzehr von Fleisch und Blut eines Menschensohnes als heilsnotwendigen Einweihungsakt ins Christentum. Der christologische Hoheitstitel hyios tou anthrôpou konnte von Außenstehenden leicht so aufgefasst werden, als handele es sich um ein Kind, zumal es zahlreiche Belege dafür gibt, dass im 2. nachchristlichen Jahrhundert die Begriffe hyios und pais synonym verwendet wurden. Der von den Juden gegen die Christen erhobene Vorwurf des infanticidium wird meistens mit der Eucharistie in Verbindung gebracht. Aber auch sonst finden sich Belege, dass im Volksglauben der Verzehr des Kindes bei der Eucharistie angenommen wurde. nach oben |
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Tertullian, Apologeticum VII
Tertullian, Apologeticum VIII
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