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Die sogenannte Bekehrung des Paulus

Paulus (Gemälde von Albrecht Dürer)

Paulus (Gemälde von Albrecht Dürer)

1. Was hat Paulus – nach seinen eigenen Aussagen – gesehen und/oder gehört
(Gal 1,11-24)?


Im Galaterbrief beschreibt Paulus keine Audition. Er sagt lediglich, er habe durch eine Offenbarung des Sohnes (hierbei handelt es sich um einen genitivus obiectivus!) das Evangelium empfangen. Betrachtet man in diesem Zusammenhang 1 Kor 9, 1 „Habe ich nicht unseren Herrn Jesus gesehen?“ sowie 1 Kor 15, 8-10 „als letztem von allen ... erschien er auch mir.“, so wird deutlich, dass es nach eigener Darstellung des Paulus wohl eine Vision gegeben haben dürfte. 1 Kor 9, 1 dient die Erscheinung des Auferstandenen zur Begründung des Apostelamts. 1 Kor 15, 8-10 beschreibt Paulus das Erlebte durch seine Wortwahl (ωφθη und eben nicht αποκαλυπτειν) eindeutig als einen visuellen Vorgang.

Becker1 meint dazu, ein „optisches“ Erlebnis sei zwar nicht abzustreiten, entscheidend sei jedoch die prophetische Beauftragung, die Paulus durch dieses Erlebnis erfahren habe. Eine Audition habe es nach dem, was man aus den paulinischen Aussagen entnehmen könne, nicht gegeben.
Becker beobachtet zudem, dass Gal 1, 11-24 einer alttestamentlichen prophetischen Berufung nachgestaltet sei. Er zieht zur Begründung zwei Stellen zu Rate: Jer 1, 5 beschreibt die Erwählung Jeremias zum Propheten für die Völker, Jes 49, 1 erwähnt zudem noch die Erwählung vom Mutterleib an, die auch Paulus Gal 1, 15 anführt.
Es lasse sich also nachweisen, dass Paulus das Erlebte in seiner Beschreibung zu einer prophetischen Berufung stilisiert.

Auch Vollenweider2 sieht die Analogie zu alttestamentlichen Prophetenerwählungen. Er geht allerdings noch weiter. Auditive und visuelle Elemente können seiner Meinung nach nicht ausgeschlossen werden. Er hält es sogar für möglich, dass Paulus eine Thronsaalvision ähnlich Jes 6 gehabt haben könnte. Hierbei stellt sich allerdings das Problem, dass in den Aussagen des Paulus keinerlei Hinweis auf etwas Derartiges vorhanden ist. Außerdem würde eine solche Erscheinung auch lediglich visuelle Elemente beinhalten.

Es lässt sich also festhalten:

1.Paulus versteht seine Indienstnahme als prophetische Berufung.
2.Die Berufungsbegegnung hat mit Sehen zu tun.
3.Die gesehene Person ist der auferstandene Jesus.
4.Das Sehen allein reichte zur Identifikation.

In der Apg wird an drei Stellen die Bekehrung des Paulus beschrieben (Apg 9.22.26). In allen drei Darstellungen werden unterschiedliche Akzente gesetzt, die sich nach der jeweiligen Intention richten. Auch in der Frage, worin das Erlebnis eigentlich bestanden hat, stimmen diese Stellen nicht überein. (Apg 9 ist davon die Rede, dass die Begleiter des Paulus zwar etwas hören, aber nichts sehen. Apg 22 sehen sie nur etwas, hören aber nichts). Apg 9 – als die erste Stelle in der Apg, die das Damaskuserlebnis beschreibt – legt den Schwerpunkt auf die Bekehrung des Paulus vom Verfolger zum Verfechter des Christentums. Im weiteren Verlauf der Apg verschiebt sich das Gewicht der Darstellung immer mehr auf den Inhalt der Beauftragung. Es ist allerdings zu beobachten, dass das Thema der Heidenmission bei allen Darstellungen vorkommt. Daraus lässt sich ableiten, dass das Damaskus-Erlebnis und die Heidenmission in der Überlieferung zusammenhängen. Das führt zu der Frage nach den Gründen für diese Verbindung.
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2. Wieso bedeutet das „Widerfahrnis“ für Paulus zugleich die Beauftragung mit der Heidenmission?

Um sich dieser Frage nähern zu können, muss man zunächst den Inhalt der αποκαλυψις betrachten.

Vollenweider sieht darin 3 Ebenen:
1.christologisch: Paulus sei klar geworden, dass Jesus der Messias und der Sohn Gottes ist.
2.erwählungstheologisch: Paulus fühle sich mit der Heidenmission beauftragt.
3.soteriologisch: Paulus habe erkannt, dass die Tora keine Bedeutung mehr hat, sondern durch den gekreuzigten Messias abgelöst ist.

Um diesen letzten Punkt zu begründen führt Vollenweider Gal 3, 13 an („Christus hat uns losgekauft von dem Fluch des Gesetzes, indem er ein Fluch für uns geworden ist. Denn es steht geschrieben: ‚Verflucht ist jeder, der am Holz hängt!’“). Paulus zitiert hier Dtn 21, 23. Nach Vollenweider schränke die Tatsache, dass Jesus gekreuzigt wurde, was seiner Meinung nach einen Bruch des jüdischen Rechts bedeute, die Tragweite des Gesetzes deutlich ein; Jesus Christus sei damit im Bezug auf die Heilsnotwendigkeit an die Stelle der Tora getreten.
Hierzu lässt sich bemerken, dass Dtn 21, 23 eindeutig eine jüdische Bestrafung von Verbrechern meint. Das hier Gesagte dürfte wohl kaum eine römische Hinrichtung betreffen. Vollenweider setzt also eine jüdische Strafe und die römische Folter in Analogie, was unzulässig ist.

Schnelle3 sieht in dem Damaskus-Erlebnis einen vierfachen Erkenntnisgewinn für Paulus:
1.theologisch: Paulus habe erkannt, dass Gott wieder redet und handelt.
2. christologisch: Paulus sei bewusst geworden, dass Jesus Christus die Macht und Offenbarung Gottes sei (2 Kor 4, 4: εικω&nu το&upsilon θεου).
Hierzu lässt sich bemerken, dass dieser Sachverhalt von Paulus an der angeführten Stelle bereits sehr tiefgehend reflektiert wird; es handelt sich in 2 Kor 4, 4 um späte paulinische Theologie. Das Damaskus-Erlebnis mit 2 Kor 4, 4 in Verbindung zu setzen bedeutet, dass man die Entwicklung, die die paulinische Theologie durchmacht, außer Acht lässt.
3.soteriologisch: Für Paulus sei klar, dass die Glaubenden bereits in der Gegenwart Anteil am Heil der Auferstehung haben.
4.biographisch: Paulus habe sich durch das Damaskus-Erlebnis auserwählt, berufen und beauftragt gefühlt.

Becker ordnet das Damaskus-Erlebnis lebensgeschichtlich ein. Paulus kenne seine Gegner (sc. die Christen) und deren „Christologie“, sowie die Konsequenzen, die sich für sie daraus ergeben, nämlich die vereinzelten Überschreitungen der Grenzen des Judentums. Die Haltung, die Paulus selbst als „Eifern“ bezeichnet, führe dazu, dass er das Christentum deswegen bekämpft. Dadurch, dass ihm bei Damaskus Christus als der Auferstandene erschienen sei, sei ihm klar geworden, dass das, was er bekämpfte, die Wahrheit ist. Paulus habe diese erste Erkenntnis theologisch weiter reflektiert und sei dadurch schließlich zur programmatischen Überschreitung der Grenzen des Judentums, also der Heidenmission, gelangt.
Fußnoten
1 Jürgen Becker, Palus. Der Apostel der Völker, 2. durchges. Aufl., Tübingen 1992.

2 Samuel Vollenweider, Art. Paulus, in: RGG IV, 4. Aufl. 2003, 1038f.

3 Udo Schnelle, Paulus. Leben und Denken, Berlin 2003.



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