Pergamon

Geschichtlicher Überblick

Eine Besiedelung des 26 km vom Meer entfernt liegenden Pergamon lässt sich seit dem achten Jahrhundert v. Chr. nachweisen. Dabei stand Pergamon zunächst unter lydischer, dann unter persischer Oberherrschaft. 334 v. Chr. fiel Pergamon dann an Alexander den Großen und erlebte in der Folgezeit eine erste Blüte. Bereits im dritten vorchristlichen Jahrhundert ist ein Soter-Kult für den pergamenischen König Attalos I. (241–197 v. Chr.) nachweisbar; hierin ist eine wichtige Wurzel des Herrscherkults zu sehen. Seit dem zweiten Jahrhundert v. Chr. war Pergamon treuer Verbündeter Roms, bis das pergamenische Reich im Jahre 133 v. Chr. von Attalos III. testamentarisch an Rom vermacht wurde. Unter Augustus erlebte Pergamon eine weitere Blüte, und wenig später wurde dort der erste provinzielle Kaiserkult eingerichtet. Mit dem dritten Jahrhundert n. Chr. setzte dann der Niedergang von Pergamon ein; das Stadtgebiet schrumpfte auf einen Bruchteil seiner ursprünglichen Größe zusammen, und nach einer kurzen Zeit der Konsolidierung im vierten Jahrhundert n. Chr. wurde es durch die Eroberung durch die Araber weitgehend zerstört. Aus dieser Zeit stammen Befestigungsanlagen in der Oberburg. Weitere Befestigungsmaßnahmen stammen aus dem 12. und dem Ende des 13. Jahrhunderts, doch wurde Pergamon Anfang des 14. Jahrhunderts endgültig seldschukisch.

Rundgang durch die Ruinen auf dem Burgberg von Pergamon

Zunächst begegnet man dem Burgtor, das aus vorhellenistischer Zeit stammt, also der persischen Epoche zuzurechnen ist. Daran anschließend und - wie auch heute noch deutlich zu spüren - mit Bedacht in den Windschatten der Akropolismauer gebaut, erstrecken sich die Palastanlagen der pergamenischen Könige. Die größte dieser Anlagen ist der Palast des Eum nes II. (197–159 v. Chr.). Es handelt sich dabei um einen Peristylbau, in dessen Hof ein bedeutendes, heute im Pergamon-Museum in Berlin aufbewahrtes Mosaik gefunden wurde, das durch eine Inschrift seinen Schöpfer nennt (HFAISTIWN EPOIEI).

In der Nähe der Paläste befindet sich eine Rundzisterne, die vielleicht als Endpunkt einer Druckwasserleitung anzusprechen ist. Diese Druckleitung überwindet bei 20 Atü einen Höhenunterschied von ca. 200 m und führt Wasser von einer nahe gelegenen Bergkette auf die Akropolis hinauf. Die eigentliche Wohnstadt, die tiefer als die Paläste lag, wurde durch eine zum Teil über eine Aquäduktbrücke geführte Fließwasserleitung versorgt.

Am windigen Nordende des Burgbergs sind noch Rest der Waffen-, bzw. Getreide-Arsenale zu sehen. Wendet man sich von dort aus nach Süden, erreicht man das Trajans-Heiligtum, und auf dem Weg dorthin genießt man einen Blick auf das römische Amphitheater sowie das Asklepieion und kann noch einen Torbogen des Theaters erkennen, durch den vermutlichz die Heilige Straße zum Asklepieion verlief.

Der Trajanstempel erweist sich als imposante Anlage, die auf künstlich errichteten gewölbten Fundamenten „thront“, die zum Hang hin mit einer 23 m hohen Schildmauer abgeschlossen sind. Die gewaltigen Substruktionen wurden nötig, da das Traianeum in eine Hangmulde hineingebaut worden ist. Bei dem Temenos (Kultbezirk) handelt es sich um einen längsrechteckigen Platz von 70 x 65 m, der an drei Seiten von Säulenhallen umschlossen ist, wobei die hinter dem Tempel gelegene Halle aufgrund der Hanglage ein wenig höher liegt als die seitlichen. Der rückwärtigen Säulenhalle vorgelagert befinden sich zwei Exedren, deren eine (an der NW-Ecke des Temenos), die aus der Zeit Attalos' II. stammt, heute in Berlin ausgestellt ist. Auch die andere Exedra (NO-Ecke des Temenos) stammt aus früherer Zeit als die Anlage des Traianeum. Beide dienten ursprünglich zur Aufstellung von Statuen. In dieser bewussten Zweitverwendung ist wohl eine bewusste Anknüpfung an den Herrscherkult der pergamenischen Könige zu sehen.

Beim eigentlichen Tempel handelt es sich um einen korinthischen Peripteros mit 6 x 10 Säulen, der als Podiumstempel gestaltet ist. Seine Grundfläche misst 32 x 20 m bei einer Höhe von 18 m. Der Bau wurde 114 n. Chr. von Trajan begonnen und 129 n. Chr. von Hadrian geweiht. In der Cella haben sich wohl drei Kultbilder befunden: in der Mitte eine Sitzstatue des Iupiter Amicalis (= Zeus Philios), rechts und links davon sind Statuen von Trajan und Hadrian anzunehmen, die dem Iupiter huldigen, wie aus Münzdarstellungen hervorgeht.

Wahrscheinlich bezieht sich auf diese Zeusstatue die Aussage im Sendschreiben an die Gemeinde in Pergamon „Ich weiß, wo du wohnst: da, wo der Thron des Satan ist.“, bzw. ebd.: „...wo der Satan wohnt“.i Der Ausdruck vro4noj / „Thron“ verweist dabei eindeutig auf eine Sitzstatue und die Wahl des Verbs katoikei/n / „wohnen“ setzt die vollständige Weihe des Tempels voraus, die – wie oben erwähnt – erst im Jahre 129 n. Chr. durch Hadrian vorgenommen worden ist. Damit ergibt sich für die gesamte Johannes-Apokalypse eine wesentlich spätere Datierung als bisher angenommen.

Weiter in südlicher Richtung stößt man auf den Athena-Tempel, das älteste Heiligtum Pergamons (errichtet ca. 330 v. Chr.). Auf einem runden Podest vor dem eigentlichen Tempel ist ein Standbild der Athena Promachos anzunehmen. Hierdurch manifestiert sich der Anspruch der pergamenischen Könige als Verteidiger des Griechentums gegenüber den Barbaren und der Anspruch Pergamons, ein zweites Athen zu sein. Dieses Rundpodest ist der Mittelpunkt des Temenos, der von drei Säulenhallen gerahmt ist. Die nördliche Säulenhalle ist durch eine zusätzliche Säulenreihe in der Mitte als zweischiffige Anlage gegliedert und enthielt nach Ansicht früherer Ausgräber die berühmte Bibliothek von Pergamon, die nach dem Brand der Bibliothek von Alexandria von Antonius der Kleopatra zum Geschenk gemacht worden ist und wo das Pergament erfunden wurde. Der eigentliche Athenatempel ist nicht am Rechtes des Temenos, sondern an der Hangkante orientiert und steht somit „schräg“ auf dem Platz. Die Cella war geteilt und diente vermutlich dem Kult der Athena und des Zeus zugleich.

Westlich dieses Tempels ist in den steil abfallenden Hang hinein unter Eumenes II. das Theater der Stadt gebaut worden. Es gliedert sich in drei Ränge mit zwei Umgängen und weist eine Loge für Ehrengäste auf. Dem Theater westlich vorgelagert erstreckt sich eine lange künstliche Terrasse in NNW-SSO – Richtung, an deren Kopfende sich ein Tempel für den Dionysoskult befindet. Dabei handelt es sich um einen 21 x 12 m großen ionischen Prostylos, der nach einem Brand in römischer Zeit erneuert worden ist. Der Altar ist aus Platzgründen nicht in paralleler Richtung dem Tempel vorgelagert, sondern im 90°–Winkel gedreht. Hier sieht man deutlich die enge Verknüpfung des Theaterwesens mit dem Dionysoskult.

Für die Durchführung des Kults waren die Dionysostechniten zuständig, die zugleich auch den Herrscherkult besorgten. Aus Rücksicht auf den freien Zugang zum Tempel hat man sogar auf ein steinernes Bühnenhaus verzichtet und stattdessen ein bewegliches aus Holz installiert (die Verankerungslöcher im Boden sind noch erkennbar).

Weiter in südlicher Richtung sind die Fundamente des großen Zeus-Altares (des berühmten Berliner Pergamonaltares) zu sehen. Errichtet wurde der Altar unter Eumenes II. aus Anlass des Sieges über die Galater (190 v. Chr.). Wie anhand der Fundamente noch gut zu erkennen ist, handelt es sich um einen 25 x 33 m großen rechteckigen Bau. Der eigentliche Altartisch befand sich auf einer erhöhten Plattform, die von einer U-förmigen Mauer umschlossen war. Dieser Mauer war eine Säulenreihe vorgestellt. Man betrat den Temenos von Osten, das heißt von der Rückseite des Altarbaus her. Der eigentliche Zugang zum Altar befand sich auf der westlichen Seite über eine große Freitreppe. Obwohl dies aufgrund des Höhenunterschieds nicht sichtbar ist, lässt sich doch eine geographische Orientierung des Zeus-Altars am Athenatempel nachweisen.

Auf dem Sockel des Altarbaus war ein großes Reliefband (insgesamt 120 m lang und 2,30 m hoch) angebracht, das den Kampf der olympischen Götter gegen die Giganten, als Kampf des Guten gegen das Böse zeigte. Auch hierin manifestiert sich das Selbstbewusstsein Pergamons, Verteidiger des Griechentums gegen die Barbaren zu sein.

In Richtung Burgtor stößt man auf das Heroon für den Herrscherkult der Attaliden, das südlich dem Burgtor vorgelagert ist. Besonders Attalos I. (241–197 v. Chr.) und Eumenes II. (197–159 v. Chr.) wurden hier nach ihrem Tod als Heroen verehrt. Darin kann man wohl die Keimzelle für den Herrscherkult in Kleinasien sehen.

Wenden wir uns nun der etwas unterhalb der Akropolis gelegenen hellenistischen Wohnstadt zu. Dort befindet sich an der antiken Hauptstraße gelegen das Heroon für Diodoros Pasparos. Dieser hatte sich sehr für die pergamenischen Belange eingesetzt, nachdem der mithradatische Aufstand, dem Pergamon sich angeschlossen hatte, niedergeschlagen worden war. Als Dank dafür errichteten ihm die Pergamener schon zu Lebzeiten ein Heroon. Dieses bestand aus einem Odeon und der eigentlichen Kulthalle, der sich eine apsidiale Kultnische anschloss. Für den Kult war ein eigener Priester zuständig, vielleicht kann man diese Form der Verehrung als Ersatz für den Königskult ansehen, der ja nicht mehr vollzogen worden konnte, da es seit 133 v. Chr. keinen König mehr gab.

Westlich vom Heroon für Diodoros Pasparos liegt ein längsrechteckiger Bau von 24 x 10 m. An allen vier Wänden verlaufen Liegebänke mit einer Breite von knapp zwei Metern. In der Mitte des Raumes befindet sich ein Zentralaltar. Dieser ist allerdings nicht fertiggestellt worden, was man daraus schließen kann, dass er über den Zustand der Bossierung nicht hinausgekommen ist. Gegenüber dem auf der Südwestseite gelegenen Eingang ist noch eine Kultnische zu erkennen.

Aufgrund von Knochenresten, die bei Ausgrabungen gefunden wurden, sowie dem Vorhandensein der Liegebänke kann man auf ein Vereinslokal schließen, in dem die Vereinsmitglieder sich versammelten und miteinander speisten. Durch die Auffindung von zwei Altären, deren erster dem Dionysos, der zweite aber dem Augustus geweiht ist, scheint eine Zuordnung zu den bereits im Zusammenhang mit dem Theater erwähnten Dionysostechniten wahrscheinlich, die den Kult des Dionysos und den Herrscherkult besorgten.

Südlich der Hauptstraße und weiter Hangabwärts befindet sich das große Heiligtum der Fruchtbarkeitsgöttin Demeter, das seit dem vierten Jahrhundert v. Chr. in Pergamon belegt ist. Zum Kult waren im Gegensatz zum ausschließlich männlichen Kollegium der Dionysostechniten lediglich Frauen zugelassen. Bei dem Kultbezirk in seiner jetzigen Form (die im Wesentlichen aus dem dritten Jahrhundert v. Chr. stammt) handelt es sich um einen längsrechteckigen Hof, der annähernd in Ost-West-Richtung liegt und der von der Westseite her betreten wurde. Rechts vom Eingang befinden sich mehrere ansteigende Sitzreihen, die den Kultteilnehmern zum Betrachten der Kultprozessionen dienten. Auf dem freien Gelände vor diesen Sitzreihen sind mehrere Altäre aufgestellt, die inschriftliche Widmungen an die Sonne, den Mond, die Nacht usw. enthalten. Hinsichtlich der neutestamentlichen Aussage, dass sich auf dem Areopag in Athen ein Altar befunden habe, der „dem unbekannten Gott“ geweiht warii, ist von besonderem Interesse, dass sich unter den im Demeterheiligtum aufgestellten Altären auch ein Altar findet, der „den unbekannten Göttern“ (VEOIS AGN[WSTOIS]) geweiht ist. Anhand der Weihungen lassen sich auch Funktionen innerhalb des Kults nachweisen. So tauchen z. B. ein Fackelträger und ein Zweigträger auf, die eine tragende Rolle während der Kultzeremonien und -prozessionen spielten.

Östlich des freien Geländes vor den Sitzreihen liegt der eigentliche Demeter-Tempel, der sich ursprünglich als ionischer Antentempel, in seiner jetzigen Form aber nach römischem Umbau im zweiten Jahrhundert n. Chr. als korinthischer Prostylos mit tiefer Vorhalle präsentiert. Umschlossen wird der Temenos an drei Seiten von Säulenhallen, deren nördliche sogar zweigeschossig ist.

Weiter in östlicher Richtung gelangt man zum Großen Gymnasium, dessen Anlage in das zweite vorchristliche Jahrhundert zurückreicht. Es besteht aus einer großen Palaestra, die von römischen Marmorsäulen gesäumt war. Im Westen und Osten schließen sich Thermenanlagen an. Der Waschraum des Gymnasiums ist mitsamt den antiken Waschbecken zur Körperreinigung noch erhalten. Nördlich der Palaestra befindet sich ein theaterförmiges Auditorium, das wohl der Unterrichtung der Jugend diente.

In recht gutem Zustand befinden sich die Ostthermen. Sie folgen dem typischen Konzept mit Frigidarium, Tepidarium und Caldarium. In letzterem ist die Hypokaustenanlage („Fußbodenheizung“) noch erhalten. Die Säulen, die den Zwischenraum bilden, in dem die heiße Luft zirkulierte, sind monolithisch aus Andesitstücken gearbeitet und nicht wie in den meisten übrigen Thermenanlagen der antiken Welt aus Ziegeln gemauert. Um das Gefälle des Geländes auszugleichen, ist die Säulenhalle, die die Palaestra im Süden abschließt, zweigeschossig angelegt. Im Untergeschoss befand sich ein langer Gang. Dieser wird (irreführend) als „Kellerstadion“ bezeichnet; allenfalls diente die obere Halle als überdachte Rennbahn.

Weiter südlich und somit weiter hangabwärts schließt sich die sog. mittlere Terrasse an. Während auf der oberen Terrasse (also im Wesentlich der Palaestra) in römischer Zeit massive Veränderungen in der hellenistischen Baustruktur durchgeführt worden sind, hat sich auf der mittleren Terrasse und an der sich wiederum im Süden anschließenden unteren Terrasse weitgehend der hellenistische Zustand des zweiten Jahrhunderts v. Chr. erhalten. Auf der mittleren Terrasse befand sich ein kleiner Tempel. Durch einen Treppenturm aus der hellenistischen Epoche, der mit einem komplizierten, aus zwei in rechtem Winkel aufeinander treffenden Tonnen gebildeten Gewölbe ausgestattet ist, gelangt man auf die nicht besonders große untere Terrasse, an die sich die antike Straße anschließt.

Folgt man ihr, gelangt man zum Attalos-Haus, einem Perisylbau aus dem zweiten Jahrhundert v. Chr., der sich aber heute in seiner im zweiten Jahrhundert n. Chr. veränderten Form präsentiert. Es handelt sich dabei um das Wohnhaus des Konsuls Attalos. Die Wohnräume sind um den zentralen Innenhof angelegt, der ursprünglich von zweigeschossigen Säulenhallen umrahmt war. Die Südhalle ist nicht mehr erhalten, aber in den nördlichen Räumen lässt sich noch der Mosaikfußboden aus hellenistischer und römischer Zeit bestaunen. Westlich des Peristylhofs schloss sich ein nahezu quadratischer Saal an, der allgemein als Sommertriklinium gedeutet wird. Er ist mit opus sectile und weißem Mosaik ausgelegt. In der Mitte des Hofes befindet sich eine tiefe Zisterne aus der hellenistischen Epoche, die in römischer Zeit durch einen Stollen mit dem Brunnen der unteren Agora verbunden worden ist und so als Druckwasserleitung diente.

Die „Rote Halle“

Inmitten der modernen Bebauung der heutigen Stadt Bergama liegen die Ruinen eines kaiserzeitlichen Tempels. Wegen der Farbe der Ziegelsteinmauern wird dieser Bau heute gemeinhin als „Rote Halle“ bezeichnet. Der Komplex wird als Kultbau für ägyptische Gottheiten (Sarapis und vermutlich auch Isis) gedeutet und anhand der Bauornamentik in die Zeit Hadrians (117–138 n. Chr.) datiert. Das riesige Tempelareal, der Temenos, umfasst eine 200 x 100 m große Fläche. Der antike Fluss Selinos, der diese Fläche diagonal durchfließt, musste damals überbaut werden, um die Anlage zu errichten. Der gesamte Bezirk war von einer hohen Mauer nach außen abgeschlossen. Kern der Anlage ist ein rechteckiger Ziegelbau von ca. 60 x 26 m, der noch bis zu einer Höhe von 19 m (also bis zur Dachtraufe!) erhalten ist. An der Nord- bzw. Südseite wird die Haupthalle von zwei mächtigen Rundbauten flankiert, denen jeweils ein von Säulenhallen umgrenzter Hof entlang der Längsseiten der Roten Halle vorgelagert war.

Bei der Roten Halle selbst handelt es sich um einen Ziegelbau, der früher vollständig mit Marmor verkleidet war. Die sechs Stufen des Eingangs bestehen aus großen Marmorblöcken und sind bis heute erhalten.

Es können zwei verschiedene Bauphasen festgestellt werden: Ursprünglich, also im zweiten Jahrhundert n. Chr., wurde das Gebäude als Kultbau errichtet, im fünften Jahrhundert wurde die Halle zu einer Basilika umgestaltet und diente als christliche Kirche.

Bei dieser Umgestaltung wurde das gesamte Bodenniveau erhöht, und es wurden zwei Längsmauern eingezogen, auf denen jeweils Säulen standen, so dass ein basilikaler Raum mit Mittelschiff und zwei schmaleren Seitenschiffen entstand. Außerdem wurden die Nischen im vorderen Teil der beiden Längswände, in denen ursprünglich Statuen standen, geöffnet, so dass jetzt große Fenster entstanden. Im ursprünglichen Bau gab es nur wesentlich kleinere Fenster direkt unter der Wandoberkante. Schließlich wurde auch der östliche Abschluss des Innenraums völlig verändert: Die Kultstatue mit der dazugehörigen Baldachinarchitektur wurde entfernt und statt dessen ein Altar errichtet. Zudem wurde eine Apsis eingebaut, in der heute noch Teile eines Marmorfrieses erhalten sind.

In der ursprünglichen paganen Kultanlage trennte ein Wassergraben (1,40 m breit und 1,60 m tief) den vorderen profanen Teil von dem eigentlichen Kultbereich. Dieser bestand aus einer großen Plattform, auf dem sich im hinteren Teil ein Sockel für die Kultstatue befand. Seitlich führte eine Treppe in einen kleinen Gang - und man konnte von unten durch den Sockel ins Innere der Statue gelangen. Dies ist ein wunderbares Beispiel für eine „sprechende“ Kultstatue, über die in antiker Literatur gelegentlich berichtet wird: Ein Priester konnte in die Kultstatue, die innen hohl war, hineinkriechen und sie zum sprechen bringen, evtl. auch gewisse Bewegungen ausführen lassen.

Die Kultstatue war von einer Baldachinarchitektur, einem so genannten Thalamos („Gemach“) umgeben. Für diesen Thalamos ist mit einer beträchtlichen Höhe zu rechnen, so dass er den vorderen niedrigen Teil der Halle deutlich beherrschte. Dieser Kultbereich lag in mystischem Halbdunkel, da es nur im vorderen Teil der Halle (und auch noch recht weit oben) Fenster gab. Zugleich spiegelte sich die Statue in der Wasserfläche des Wassergrabens, so dass der Gesamteindruck sicher überwältigend war.

Flankiert wird der Thalamos durch zwei Treppentürme am Ende der Längsmauern. Sie sind noch heute deutlich zu erkennen und zumindest im unteren Teil noch benutzbar.

Im Norden und Süden wird die Halle von Seitenhöfen flankiert. In diesen Höfen standen Wasserbecken, die heute noch teilweise erkennbar sind. Die Höfe wurden mit Statuen in ägyptisierendem Stil geschmückt und von Säulenreihen prachtvoll eingefasst. An den Rückseiten der Seitenhöfe steht je ein Rundbau. Beide Bauten haben einen Durchmesser von je 16 m und ein Höhe von 20 m. Es handelt sich um Bauten ohne Fenster, in denen wohl Kultstatuen aufgestellt waren.

Der gesamte Temenos ist mit einem System von labyrinthartigen unterirdischen Gängen durchzogen. Sie verlaufen parallel an der Nord- und Südseite der Nebenhöfe, außerdem unter sämtlichen Gebäuden - und auch zu zwei unterirdischen Räumen, die sich unterhalb der Rundbauten befinden. Die Gänge sind zwischen 55 cm und einem Meter breit und etwas mehr als 1,50 m hoch. Ein Zugang zum Gangsystem befand sich im Inneren der Roten Halle unterhalb des Statuenpodests und auf der Hof an der Südseite der Halle. Die Treppen dort ist noch heute vorhanden und begehbar. Sie führt zu einem Gang, der direkt in den Bereich unter der Halle führt. Nach wenigen Metern ist dieser Gang allerdings durch eine Mauer aus Spolien versperrt: Es handelt sich um das Fundament der Mauer, die beim Umbau in eine christliche Basilika errichtet worden war.

Es gibt zwei wesentliche Theorien über den Zweck dieser Gänge: Wolfgang Radt vermutet, dass die Gänge zur Ableitung des Abwassers dienten, das sich vom Dach des Gebäudes ansammelte. Seiner Meinung nach stellen die unterirdischen Räume Zisternen dar. Dagegen interpretiert Regina Slditt-Trappmann die Gänge und die unterirdischen Räume als Anlagen zur Durchführung unterirdischer Initiationsriten im Rahmen der Isis–/Sarapismysterien. Die Tatsache, dass die Gänge bis unter die Kultstatue reichten, spricht dafür, dass die Gänge zumindest auch für kultische Zwecke genutzt wurden.