Das christliche Karthago

Karthago war das Zentrum des frühen Christentums in Nordafrika. Die Stadt – heute ein Vorort der tunesischen Hauptstadt Tunis – mit ihrer großen Geschichte war zugleich die Heimat und Wirkungsstätte zahlreicher herausragender Persönlichkeiten der frühen Kirchengeschichte, wie z.B. Cyprian, Tertullian oder Augustinus.

Geschichtlicher Überblick

Die Geschichte der Stadt beginnt im neunten oder achten Jahrhundert v. Chr. Das legendäre Gründungsdatum ist das Jahr 814 v. Chr. (durch die Prinzessin Elissa, bzw. Dido aus Vergils Aeneis). Dies lässt sich zwar nicht archäologisch belegen, doch ist eine erste Besiedelung auf dem Byrsahügel seit dem achten Jahrhundert v. Chr. nachweisbar. Karthago wurde also als phönizische Kolonie gegründet und lag aber soweit entfernt vom Mutterland, dass es schon bald politisch unabhängig operierte. Seit dem siebten Jahrhundert v. Chr. spricht man daher nicht mehr von phönizischer, sondern von punischer Kultur.

Die Karthager beginnen schnell damit, eine Expansionspolitik zu betreiben, die mehrheitlich als Handelspolitik anzusehen ist. Sie gründen Handelskolonien und werden immer wieder von diesen auch um militärische Hilfe gebeten. Dabei steigt Karthago in der Auseinandersetzung mit den griechischen Staaten und den Römern bald zur dritten Macht im westlichen Mittelmeerraum auf. Im sechsten Jahrhundert v. Chr. erobert der phönikische General Malchus Sizilien. Archäologische Funde zeigen, dass auch Sardinien weitgehend von punischer Kultur durchdrungen gewesen ist. Weitere Kolonien gab es auf Korsika und den Balearen, Handelsbeziehungen mit den Etruskern sind bereits bei Aristoteles belegt.

Die Schlacht bei Alesia (Sizilien) im Jahre 540 v. Chr. gilt als Schlüsselereignis für die beginnende Expansion der Punier. Eine punisch-etruskische Koalition besiegt die Phokäer, welche vom westlichen Kleinasien aus in den Mittelmeerraum expandiert hatten. Bei der Schlacht um Himera (Sizilien) im Jahr 480 v. Chr. ist unsicher, ob Karthago in Koalition mit Xerxes I. oder aus eigenen Machtinteressen heraus agierte. Der Krieg endete mit einer katastrophalen Niederlage der karthagischen Truppen unter General Hamilkar und bremste somit den Aufstieg. Doch 410 v. Chr. konnten die Karthager weite Teile Siziliens erobern und um 405 v. Chr. haben sie die Vorherrschaft über die Insel erlangt - mit Ausnahme von Syrakus, das in den folgenden Jahrzehnten immer wieder zum Schauplatz machtpolitischer Auseinandersetzungen wird.

Im Laufe der kommenden Jahre standen sich dabei v. a. Karthago und Rom – als Verbündete, als Vertragspartner und zuletzt als Erzfeinde – gegenüber. Die drei Punischen Kriege im dritten und zweiten Jahrhundert v. Chr. läuteten schließlich sukzessive das Ende der punischen Vorherrschaft im Mittelmeer ein. Der Erste Punische Krieg (264–241 v. Chr.) endete in der Seeschlacht von Aigussa mit dem Rückzug der Karthager aus Sizilien, Sardinien und Korsika.

In der Folgezeit dehnten die Karthager aber ihren Einfluss auf der iberischen Halbinsel aus, v.a. unter der militärischen Führung Hannibals. Der Zweite Punische Krieg (218–201 v. Chr.) – Ausgangspunkt ist die Belagerung von Sagunt (im heutigen Spanien) durch die Karthager, die Rom zum Anlass für die Kriegserklärung nimmt – beginnt viel versprechend für die Karthager mit der Alpenüberquerung Hannibals und seinen Siegen über Rom bei Cannae und am Trasimenischen See. Philipp von Makedonien verbündet sich mit den Römern, Syrakus hingegen mit Karthago. Publius Cornelius Scipio (Africanus) steigt in den folgenden Jahren zum bedeutendsten römischen Heerführer auf und kann die Karthager schließlich in Spanien besiegen. Er drängt sie nach Afrika zurück, wo er sie im Jahre 202 v. Chr. in der Schlacht bei Zama endgültig besiegt.

Die Folgezeit ist archäologisch als die Blütezeit Karthagos zu bewerten. Die Einwohnerzahl dürfte zwischenzeitlich bei etwa 400.000 gelegen haben. Gerade der wirtschaftliche Aufschwung mag einige römische Politiker (z. B. Cato der Ältere) argwöhnisch gemacht haben. So kommt es schließlich zum dritten Punischen Krieg (149–146 v. Chr.) unter der Leitung von Scipio Aemilianus (Africanus), dem Sohn des bereits erwähnten Scipionen. Ausgangspunkt war das Vorgehen der Karthager gegen die Numider, was formal gegen den Friedensvertrag aus dem zweiten Punischen Krieg (201 v. Chr.) verstieß. Dies war den Römern ein willkommener Anlass. Im Jahre 146 v. Chr. eroberten sie Karthago zerstörten es vollständig.

Der zaghafte Versuch einer Neubesiedlung des Gebietes als Colonia Iunonia Carthago unter Gaius Sempronius Gracchus um 121 v. Chr. misslang. Erst im Zuge der Verwaltungsreform des Jahres 46 v. Chr. mit der Neukonstitution der Provinz Africa Nova plante Gaius Iulius Caesar eine Neugründung der Stadt als Colonia Concordia Iulia Carthago. Das Vorhaben wurde nach seinem Tod durchgeführt, und bereits im Jahr 25 v. Chr. wurde der Verwaltungssitz der Provinz von Utica nach Karthago verlegt.

Ein gewaltiger Stadtbrand um das Jahr 150 n. Chr. führte zum Beginn einer regen Bautätigkeit. Es erfolgte ein Umbau der Hafenanlagen und die Erweiterung der Stadt im Norden. Im dritten Jahrhundert n. Chr. betrug die Bevölkerungszahl bereits etwa 300.000 Einwohner. Ein Rückgang der Wirtschaft setzte mit einer Pestepidemie im Jahr 252 oder 253 n. Chr. ein, ein Erdbeben im Jahre 365 n. Chr. führte zu weiteren Zerstörungen, aber in der Folgezeit auch immer wieder zu Reparaturen und Neubauten.

Aus christlicher Sich ist Karthago zunächst durch frühe Märtyrer (die Märtyrer von Scilli; Perpetua und Felicitas) berühmt geworden, später durch die Kirchenväter Tertullian (ca. 160–220 n. Chr.), den Bischof Cyprian von Karthago (etwa 200–258 n. Chr.), die Streitigkeiten um die Donatisten (vgl. S. 125ff.) und damit verbunden auch mit dem großen Kirchenvater des Westens Augustinus (354–430 n. Chr.). Das von Donatus um 311 hervorgerufene donatistische Schisma, welches eine Folge der umstrittenen Behandlung so genannter „Traditoren“ aus der Zeit der diokletianischen Verfolgung war, führte in der Folgezeit zu einer afrikanischen Sonderentwicklung, die formell erst 411 n. Chr. durch das Konzil von Karthago beendet wurde.i

Ab 417 n. Chr. kommt es zu weiteren Konzilien in Karthago, die nun den sich ausbreitenden Pelagianismus einzudämmen versuchen.

Kaiser Theodosius hatte gerade die erste nachpunische Stadtmauer errichtet, die vermutlich dem Schutz gegen die immer wieder vordringenden Numider dienen sollte, als 439 n. Chr. die Vandalen unter Geiserich die Vorherrschaft in Nordafrika an sich rissen. Dies führte u.a. dazu, dass auch die donatistischen Kirchen wieder Auftrieb erhalten. Erst mit der byzantinischen Rückeroberung durch den Feldherrn Belisar (unter Justinian) im Jahre 533 n. Chr. endete die Zeit der Donatisten in Karthago. Auf dem Konzil von Karthago (535 n. Chr.) wurden die alten Privilegien wiederhergestellt (Rückgabe der Kirchengüter etc.), außerdem erhielt die Stadt den Namen Carthago Iustiniana. Bis zur Eroberung Karthagos durch die Araber im Jahre 698 n. Chr. kam es noch zu einigen Umbaumaßnahmen. Danach verfiel die Stadt und diente der nun aufstrebenden Nachbarstadt Tunis als Steinbruch.

Antike Kirchenbauten in Karthago

Damous-al-Karita - Coemeterialkirche und Pilgerzentrum

Der Gebäudekomplex von Damous-al-Karita liegt etwa 150 m nördlich der Stadtmauer, an der Ausfallstraße Richtung Norden auf dem Gelände eines antiken Friedhofs; es liegt daher nahe, dass es sich um eine Coemeterialkirche handelt. Die Größe (mit einer Fläche von 200 x 75 m die größte Kirchenanlage Karthagos) spricht dafür, dass wir es hier mit einem frühchristlichen Pilgerzentrum zu tun haben – wahrscheinlich das Grab eines Märtyrers, was aber bisher inschriftlich nicht belegt ist. Dieser Kirchenkomplex ist nahezu sicher mit der Basilica Fausti zu identifizieren, in der mehrere Konzilien stattfanden und die im vierten Jahrhundert n. Chr. von Augustinus zur Predigt genutzt wurde. Entdeckt wurde die Kirche bereits 1878 und im Jahr 1930 anlässlich des Eucharistischen Weltkongresses restauriert. Die letzte Nachgrabung wurde in den Jahren 1996 und 1997 abgeschlossen.

Der Komplex besteht aus einer neunschiffigen Basilika (1) mit halbkreisförmigem Atrium (2), daran angrenzend ein dreischiffiger basilikaler Saalbau (14) und einem kleinen Baptisterium mit hexagonalem Taufbecken (12). Südlich davon, ohne direkte Verbindung, liegt ein kreisrunder Memorialbau (15) mit halbkreisförmigem Atrium (16). Die Gebäude sind unterkellert durch Krypten, Zisternen u. ä.

Der Basilika im Norden vorgelagert ist ein halbkreisförmiges Atrium (2). Es ist 45 m breit und 30,5 m lang. Den Rand bildete eine überdachte Säulenhalle mit kannelierten Säulen, in der Mitte des Atriums befand sich ein achteckiger Brunnen.

Der Trikonchos im Norden birgt in der abgeschrankten Nordkonche einen Sarkophag; hier ist eine verehrte Grabstätte zu vermuten.

Die Basilika (1) selbst ist (65 x 45 m) ist eine neunschiffige Säulenbasilika (160–180 Säulen sind zu vermuten) mit einem zehn Meter breiten Mittelschiff und acht Seitenschiffen. Die Apsis befindet sich im Süden; damit liegt die Kirche exakt parallel zur antiken Straßenführung. Das Querschiff ist auffällig breit (12,80 m) mit einer 9,60 m x 7 m messenden Apsis im Süden (4). Sowohl Mittel- als auch Querschiff waren (wie üblich in Nordafrika) vermutlich von Doppelsäulen gesäumt. Die Höhe der Säulen wird auf vier bis fünf Meter geschätzt, außerdem vermutet man die Existenz von Emporen in den inneren Seitenschiffen.

Nach der Rückeroberung 533 n. Chr. kam es zu Umbaumaßnahmen. Zur Neuorientierung der Kirche wurde eine Ostapsis (5) eingebaut. Das bisherige Querschiff wurde zum neuen Mittelschiff erkoren und im Westen ein Narthex (7) vorgebaut. Die alte Apsis (4) wurde mit zwei Durchgängen versehen.

In einer dritten Phase (im siebten Jahrhundert n. Chr.?) kam es zu einer Verkürzung des Mittelschiffs durch eine neue Apsis (6). Außerdem wurden massive Pfeiler als Begrenzung des Mittelschiffs im Bereich des Querschiffs eingebaut, wobei gleichzeitig das Bodenniveau angehoben wurde. Die Basilika wurde also radikal verkleinert. Das spricht für einen Bedeutungsverlust des Gebäudes.

Der angrenzende Basilikale Saalbau (14) wurde gleichzeitig mit der Basilika errichtet. Er ist ebenfalls in Nord-Süd-Richtung ausgerichtet. Das Mittelschiff hat die doppelte Breite der Seitenschiffe. Das Nordende des Baus ist heute nicht mehr erkennbar.

Im sechsten Jahrhundert n. Chr. wurde der Bau durch die Errichtung eines Atriums im Norden (13) verkürzt. Gleichzeitig erhielt die Basilika auf der Nordseite ein Propylon (repräsentatives Portal). Die Kammern an der Ostseite wurden zu Privatmausoleen umgestaltet. Dieselbe Funktion dürfte der neu angebauten Raumflucht im Westen zugekommen sein. In der dritten Bauperiode wurde das Bodenniveau um 1,5 m angehoben und ein Ciborium (Baldachin) eingebaut; vielleicht wurde der Basilikale Saalbau in dieser Zeit als Gottesdienstraum genutzt.

Das Baptisterium (12) befindet sich exakt in der Mitte eines zweiphasigen Bauareals, dessen ursprüngliche Funktion unbekannt ist. Sichtbar ist aber die Ausrichtung auf das Atrium (13) einerseits und eine Treppenverbindung zum südlichen Abschnitt der Basilika.

Das durch seine Kuppelbauweise als Memorialbau (15, 16) zu identifizierende Gebäude aus dem sechsten Jahrhundert n. Chr. (nach 533) besteht aus zwei Teilen. Vorgelagert ist das sog. Sigma, eine sigmaförmige („C“) Porticusanlage im Eingangsbereich (16). Zwei Treppen führten vom westlichen Außenbereich zum Hof, der seinerseits niedriger lag als die Porticusanlage. Der eigentliche Memorialbau (15), ein unterirdischer Rundbau (Hallenkrypta) hat einen Durchmesser von etwa. acht Metern und eine Höhe von 6,5 m – 7,5 m. Der Innenraum ist gesäumt von 16 Säulen (je 3,45 m hoch). Zwischen den Säulen befinden sich Nischen in den Wänden. In der Mitte des Raumes ist ein kreisförmiges Fundament zu erkennen, das wohl ein Ciborium trug. Zugänglich war die Krypta durch zwei übertunnelte Treppenhäuser. Zwei Lichtschächte sorgten für Beleuchtung und Belüftung des Innenraumes.

In einer zweiten Bauphase nach 584 n. Chr., die durch einen Münzfund gesichert ist, wurde ein begehbares Obergeschoss (Ambulatorium) aufgesetzt. Offenbar wurde nun auch das Gewölbe des Unterbaus mit einer kreisrunden Öffnung versehen, so dass die Reliquienstätte nun auch von oben einsehbar war.

Die Errichtung des Memorialbaus in Verbindung mit dem gründlichen Umbau der Kirche und des basilikalen Saalbaus ist ein deutliches Zeichen, mit dem Justinian seine wiedererlangte Herrschaft architektonisch in Szene setzte. Sichtbare Analogien dazu bieten die Kirchenbauten Ravennas nach der Rückeroberung von den Ostgoten.