Tur Abdin

Christen in der Türkei heute

Südöstlich der Stadt Diyarbakir erstreckt sich um die Provinzstädte Mardin und Midyat eine abgeschiedene Region, die „Tur Abdin“ genannt wird. Der Name bedeutet soviel wie: „Berg der Knechte Gottes“. Es handelt sich dabei um altes Rückzugsgebiet der Christen in der heutigen Türkei. Der Tur Abdin kann auf eine stolze Geschichte zurückblicken, und dort sind aus den frühen Tagen des Christentums bis heute viele einzigartige Dinge bewahrt. Zeugnis dieser Kultur legen unzählige Kirchen und Klöster ab, die nur zum Teil noch von einzelnen Mönchen bewohnt und bewahrt werden.

Das Kloster Deir az-Zafaran

Das größte und bedeutendste Kloster des Tur Abdin liegt unweit der Stadt Mardin und trug ursprünglich den Namen Deir Mar Hanania (Ananiaskloster). Heute wird der Komplex allgemein Deir az-Zafaran genannt, was eine Anspielung auf die safrangelbe Farbe seiner Außenmauern ist.

Die ältesten Gebäudeteile stammen aus dem vierten Jahrhundert n. Chr. Hierzu zählt auch das sog. Beit Qadishe (Haus der Heiligen). Hierbei handelt es sich wahrscheinlich ursprünglich um einen Unterrichtsraum für Medizin. In seiner heutigen Gestalt zeigt es sich allerdings als Grabgebäude, zu dem es wohl im 13. Jahrhundert umfunktioniert worden ist. Es sind sieben Arkosolnischen zu sehen, in denen insgesamt ca. 50 Patriarchen und über 100 Metropoliten beigesetzt sind. Die Amtsträger wurden in vollem Ornat beigesetzt, wobei jeweils der zuletzt verstrobene sitzend bestattet wurde. Der gesamte Raum ist von einer Kuppel überwölbt.

Aus dem vierten Jahrhundert n. Chr. stammt die Marienkirche, die heute für Taufen benutzt wird. Es ist noch ein geosteter Steinaltar mit einem Holzaufsatz (wohl aus dem 16. Jahrhundert) erhalten. Vor diesem Altar sind noch einige Mosaikreste zu sehen, die ins fünfte oder sechste Jahrhundert n. Chr. datiert werden.

Die eigentliche Klosterkirche, die dem Heiligen Ananias geweiht ist, stammt ebenfalls aus dem vierten Jahrhundert n. Chr.. Sie war ursprünglich größer, ist aber nach der Zerstörung durch die Mongolen kleiner wieder aufgebaut worden. Es handelt sich um einen Bau mit drei Apsiden. In großer Höhe über dem Boden befindet sich eine Holzempore, auf der die Menschen den Gottesdienst verfolgen konnten, wenn die Kirche sehr voll war. Direkt neben dem Eingang ist ein Fresko aus dem neunten Jahrhundert erhalten, das den Ananias zeigt. In der Hauptapsis befinden sich ein Metropolitenthron und der Thron des syrisch-orthodixen Patriarchen, der auch als Patriarch von Antiochia bezeichnet wird. Da das Kloster aufgrund der gefährlichen Situation der Christen in der Türkei heute nicht mehr der Patriarchensitz ist (der Patriarch lebt seit 1959 im Exil in Damaskus), wird der Patriarch durch ein Foto repräsentiert, das den Thron ziert. Bemerkenswert ist noch ein Friesband, das den ganzen Raum umzieht. Es zeigt Rankenmuster und korbähnliche Motive.

Das Kloster Hah

Etwa 30 km östlich von Midyat liegt das Kloster Hah. Besonders die der Maria geweihte Klosterkirche ist bemerkenswert. Wie alle Marienkirchen des Tur Abdin wird sie auch El Adhra genannt (etwa „die Verehrte“). Hierbei handelt es sich um einen kubischen Bau, der ursprünglich von einer großen Kuppel überwölbt wurde. Heute lassen sich zwei Bauphasen ausmachen: Der untere Teil bis zur ersten Arkadenreihe im Giebel, auf dem früher die Kuppel ruhte, ist sehr alt, lässt sich aber nur schwer datieren. In den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts wurde das obere Stockwerk vollständig erneuert und mit einer weiteren Arkadenreihe ergänzt, auf die eine neue, kleinere Kuppel gesetzt wurde.

Der Legende nach haben sich hier 12 Könige aus dem Orient getroffen (die ma4goi a1po$ a1natolw7n aus Mt 2,1), aus denen drei ausgewählt wurden, um das Jesuskind anzubeten. Als sie dies getan hatten, nahmen sie ein Stück der Windel Jesu mit und versuchten, diese unter sich aufzuteilen. Doch es war ihnen unmöglich, die Windel zu zerteilen. Als sie sie daraufhin verbrennen wollten, wurden aus dem Windelstück drei Amulette, die auf der Vorderseite je einen König und auf der Rückseite ein Abbild Marias zeigten. Aus diesem Anlass gründeten die drei Könige an diesem Ort die Marienkirche.

Das Kirchengebäude gehört zum Typus der Querschiffkirche. Vorgelagert ist ein weiteres Querschiff, das eine Art Narthex bildet. Biede sind mit je einer Quertonne überwölbt, wobei diese im Hauptschiff durch die Kuppel durchbrochen wird. Diese wird vom Oktogon durch Trompenbögen zur vollkommenen Rundung geführt. An das eigentliche Kirchenschiff schließt sich im Osten eine Apsis an, in der sieben Nischen durch reich verzierte Blendarkaden aus der frühesten Zeit dieser Kirche gebildet werden.

Das Kloster Mar Yakub

Nahe der Ortschaft Bariştepe befindet sich das Kloster Mar Yakub. Erhalten ist noch die Hauptkirche, die ein Querschiffbau mit drei apsidialen Anbauten ist, die untereinander verbunden sind, so dass der Eindruck eines weiteren Querschiffs entsteht. Diese Kirche stammt wahrscheinlich aus dem sechsten oder siebten nachchristlichen Jahrhundert. Westlich vorgelagert ist ein weiteres Querschiff mit Tonnengewölbe, das sich in vier Bogen nach draußen öffnet und somit einen Narthex bildet. innerhalb dieses Vorbaus sind noch zwei sekundär verbaute Inschriften zu erkennen. Durch eine Pforte in der Mitte dieses Vorbauschiffs betritt man den eigentlichen Kirchenraum, der von einem dreigeteilten, mit Ziegelsteinen verkleideten Tonnengewölbe bedeckt ist. Unterhalb des Gewölbes ist ein ornamentaler Fries angebracht, der sich oberhalb der Fenster an Nord-, West- und Südwand einmal um den gesamten Raum zieht. Hinter einem durch zwei Pfeiler gerahmten Portal beginnt der apsidiale Altarraum. Im Bogen über dem Portal ist noch der Rest einer roten Stuckbemalung zu erkennen.

Das Kloster Mor Gabriel

Das heute bedeutendste Kloster des Tur Abdin ist das ca. 25 km südöstlich von Midyat gelegene Kloster Mor Gabriel. Den Namen erhielt es von dem Abt Gabriel, der im siebten Jahrhundert n. Chr. das Kloster erneuerte. Der ursprüngliche Name wird wohl einfach Kloster von Qartamin (Kartamin ist ein kleines Dorf in der Nähe des Klosters), es gibt aber auch Belege für Mor Samuel oder Mor Simeon. Samuel war der sagenhafte Gründer, der sich um 395 n. Chr. in der Gegend des heutigen Klosters niedergelassen hat.

Das Kloster brachte es bereits kurz nach seiner Gründung zu einiger Berühmtheit, besonders in der Zeit, als Theodosius II. (408–550) es kräftig finanziell unterstützte. Durch eine Schenkung von Kaiser Anastasios (491–518) konnte der Ausbau der Hauptkirche finanziert werden. Die früheste Bauphase muss aber um 397 liegen. Heute präsentiert sich die Hauptkirche allerdings stark renoviert. Bei ihr handelt es sich ebenfalls um ein Querschiffgebäude mit Tonnengewölbe. Neben Ausschmückungen aus jüngerer Zeit ist ein Deckenmosaik im Ostschiff zu bewundern, das aus Goldtesserae gebildet ist. Man datiert es in das sechste Jahrhundert.

Nordwestlich der Hauptkirche ist die so genannte Kuppel der Theodora zu sehen. Es handelt sich hierbei um einen oktogonalen Ziegelsteinbau mit 10,5 m Durchmesser, der sich auf mächtige Steinpfeiler stützt. Bedeckt wird dieser Raum von einer Kuppel aus Ziegelsteinen mit einem Oculus. In den Ecken des Baus sind Apsiden eingelassen, während sich an den Seiten rechteckige Nischen anschließen. Dieser Bau ist wahrscheinlich zunächst freistehend errichtet und erst durch nachträgliche Anbauten in den gesamten Klosterkomplex eingebunden worden. DIe Funktion ist nicht mehr eindeutig zu bestimmen. Man nimmt jedoch aufgrund der Nähe zur Küche an, dass er auch als Speisesaal genutzt wurde. Aber er kommt auch als Baptisterium oder Versammlungsraum für die Mönche in Frage.

Ganz im Westen der Klosteranlage befindet sich die Marienkirche (die ebenfalls El Adhra genannt wird). Sie geht auf das Ende des fünften Jahrhunderts zurück. Heute sind ihre Innenwände weiß getüncht und mit Wandgemälden jüngerer Zeit versehen worden. Ursprünglich handelt es sich bei der Kirche um eine dreischiffige Anlage mit mächtigen Steinpfeilern, die das Hauptschiff von den Seitenschiffen trennen. Allerdings haben wir hier keine Quer- sondern eine Längsschiffkirche vor uns. Vorbei am Grab des Metropoliten Johannes (dem 1984 verstorbenen Vorgänger des gegenwärtigen Metropoliten) gelangt man in das Kellergeschoss, in dem sich mehrere Grablegen befinden. Aus dem Boden ragen noch zwei Sarkophagdeckel heraus. Bei dem einen handelt es sich um das Grab des Heiligen Samuel, des Klostergründers aus dem vierten Jahrhundert, bei dem anderen um das Grab Gabriels, des Kloster-Erneuerers aus dem siebten Jahrhundert.