Der Donatismus

Die Entstehung des Donatismus ist auf dem Hintergrund der Diokletianischen Verfolgung der Jahre 303–311 n. Chr. zu sehen. Gegen Ende des Jahres 311 n. Chr. stirbt zudem noch der karthagische Bischof Mensurius, woraufhin eine Wahlsynode nach Karthago einberufen wird. Die Ankunft der auswärtigen Bischöfe wird jedoch nicht abgewartet, sondern unverzüglich mit den Wahlen begonnen. Das Ergebnis war, dass der Diakon Caecilian aus Karthago suffragio totius populi zum neuen Bischof gewählt und geweiht wird. Diese Wahl und Weihe wird von nur drei Bischöfen vollzogen, die zudem alle unter dem Verdacht stehen, während der Diokletianischen Verfolgung die Heiligen Schriften ausgeliefert zu haben (traditio). Traditionell hätte eigentlich der Primas von Numidien (Karthago liegt in der Provinz Africa proconsularis) Anspruch auf den Bischofsstuhl von Karthago, aber auch andere Bischöfe haben auf den Bischofsstuhl spekuliert. Es bildet sich daher rasch eine breite Opposition gegen die Wahl des Caecilian. Als schließlich auch Secundus von Tigisis, der Primas von Numidien, selbst in Karthago eintrifft, beruft er sofort ein Gegenkonzil in Karthago ein, an dem etwa 70 Bischöfe teilnahmen. Diese Bischofsversammlung verdammt Caecilian mit der Begründung, er sei von traditores, also Bischöfen, die die Heiligen Schriften ausgeliefert hatten, geweiht worden. Es wird der Lektor Maiorinus zum Gegenbischof von Karthago gewählt. Dieser war der Diener der einflussreichen Lucilla, die wahrscheinlich durch Bestechung die Wahl beeinflusst hat, da sie eine persönliche Fehde mit dem zuvor gewählten Caecilian hatte. Der hatte der Christin Lucilla einst das Küssen einer kirchlich nicht anerkannten Reliquie verboten, was sie ihm offenbar übel nahm. Im Jahr 313 stirbt Maiorinus, zu seinem Nachfolger wird Donatus bestimmt.

Bereits in den Jahren 312 und 313 greift Konstantin der Große2 in diesen Konflikt ein. Überliefert ist ein Brief des Kaisers an den Prokonsul Afrikas Anullinus, in dem die Rückgabe christlichen Eigentums angeordnet wird, wie es den von Konstantin und Licinius in Mailand gefassten Beschlüssen entsprach. Des Weiteren wurde wenig später in einem weiteren Schreiben an Anullinus die Steuerbefreiung für Kleriker befohlen – allerdings ausdrücklich beschränkt auf die katholischen Christen unter Bischof Caecilian, der zudem noch große Geld­spenden erhält. Konstantin begünstigt also von Anfang an die caecilianische Seite. Dennoch bitten ihn die Anhänger des Gegenbischofs Donatus um sein Eingreifen in den Streit, woraufhin Konstantin den römischen Bischof Miltiades mit der Untersuchung des Falls beauftragt und zusichert, sich dessen Urteil anschließen zu wollen.

Ende September 313 wird also zur Klärung des Sachverhalts eine Synode in Rom einberufen, deren Vorsitz Miltiades gemeinsam mit drei gallischen Bischöfe innehatte. Bischof Caecilian sollte mit zehn befreundeten und ebenso vielen gegnerischen Bischöfen anreisen. Außerdem nahmen noch 15 italienische Bischöfe an der Versammlung teil.

Gleich zu Beginn kommt es zu einer Anklage gegen Donatus, der selbst anwesend war. Dies nehmen seine Anhänger zum Anlass, der Synode daraufhin fernzubleiben. Am 2. Oktober 313, dem dritten Tag der Synode kommt man zu einem abschließenden Ergebnis: Donatus wird wegen der Praktizierung der Wiedertaufe und der Ordination von Bischöfen, die während der Diokletianischen Verfolgung3 ihren Glauben verraten haben, verurteilt und exkommuniziert. Die Synode macht auch einen Vorschlag zur Schlichtung des Streits in den einzelnen Gemeinden: in allen Orten, die zwei Bischöfe haben, soll der zuerst Ordinierte künftig den Bischofsstuhl besetzen. Die Anhänger des Donatus erkennen den Beschluss der Synode allerdings nicht an und protestieren beim Kaiser, was zu weiteren Unruhen in Nordafrika führt.

Daraufhin beruft Konstantin selbst zum 1. August 314 eine Synode von über 40 Bischöfen in Arles ein – die so genannte Erste Reichssynode. Dort werden folgende Beschlüsse gefasst:

Auch die Taufe von Verrätern des Glaubens ist gültig, wenn sie mit der trinitarischen Formel vollzogen wurde.
Jede Weihe, die von einem traditor gespendet worden ist, bleibt gültig.

Die Synode bestätigt und stärkt also erneut Caecilians Position.

Auch hiermit können sich die Donatisten nicht einverstanden erklären und appellieren beim Reichsgericht erneut an den Kaiser. Doch Caecilian wird im November 316 erneut freigesprochen.

Allerdings ändert sich nun Konstantins Grundhaltung im Konflikt. Er sieht jetzt offenbar ein, dass eine friedliche Einigung nicht mehr möglich ist. Daher erlässt er 316 oder 317 ein Edikt, das die Beschlagnahme der donatistischen Kirchengebäude anordnet. Mit der Vollstreckung dieses Erlasses gehen im März 317 schwere Ausschreitungen gegen Donatisten einher. Diese sind natürlich nicht bereit, ihre Kirchen freiwillig zu verlassen. Es kommt zur Besetzung donatistischer Kirchen durch Soldaten und zu grausamen Massakern. Zahlreiche donatistische Bischöfe werden verbannt. Die Einheitsbestrebungen Konstantins sind also wiederum gescheitert. Daher erlaubt er in einem kaiserlichen Schreiben vom Mai 321 die Rückkehr der exilierten Donatisten, und in einem weiteren Schreiben an die katholischen Christen in Nordafrika empfiehlt der Kaiser Toleranz und sogar das geduldige Aushalten der Übergriffe von Donatisten auf katholische Christen. Damit duldet Konstantin de facto die Kirchenspaltung in Nordafrika und muss die eigene Ohnmacht gegenüber den Donatisten eingestehen.

Durch diesen Wandel in der Kirchenpolitik Konstantins werden die Donatisten natürlich gestärkt. Sie nehmen fortan die selben Privilegien in Anspruch, die dem katholischen Klerus gestattet werden (Steuerfreiheit etc.). Beide Kirchen leben nun relativ friedlich nebeneinander. Einerseits, weil sich die Gemüter beruhigt haben, andererseits, weil in dieser Zeit (um 340) eine weitere, noch radikalere schismatische Gruppierung entsteht: die Circumcellionen. Der Name leitet sich vom Lateinischen circum cellas her. Cella bezeichnet ein Vorratshaus (Kornspeicher o. ä.), aber auch die Märtyrerkapelle. Es handelt sich also um Menschen, die sich um die cellae herum aufhalten. Wahrscheinlich handelt es sich dabei um eine Fremdbezeichnung, ihr eigentlicher Name dürfte agonistici4 gewesen sein. Diese Gruppe umherschweifender unverheirateter Männer und Frauen hatte sich jedenfalls von den Donatisten abgespalten. Man findet sie vorwiegend auf dem Land, besonders in Numidien. Ihren Lebensunterhalt bestritten die Circumcellionen durch Plünderung von Vorratshäusern (cellae). Bei ihnen ist eine glühende Märtyrer– und Martyriumsverehrung, ja fast schon eine „Martyriumssehnsucht“ festzustellen. Sie ergehen sich in Schändung und Zerstörung von heidnischen Kulträumen und auch katholischen Kirchen und verüben Überfälle auf katholische Kleriker und Grundbesitzer. Ob die Circumcellionen sozial-revolutionäre Absichten verfolgten, bleibt dabei unklar.

Etwa im Jahre 346 versucht Donatus die beiden nordafrikanischen Kirchen unter donatistischer Führung zu vereinen. Kaiser Constans, den Nachfolger Konstantins auf dem Kaiserthron, fordert er auf, ihn selbst, Donatus, als katholischen Bischof von Karthago anzuerkennen, was Constans freilich nicht gestattet. Stattdessen entsendet er zwei Sonderbeauftragte nach Nordafrika mit reichen Geldgeschenken für beide Kirchen, die für Almosen und die Ausschmückung der Kirchen verwendet werden sollen. Donatus jedoch weist die Geldspende mit der Bemerkung „Quid est imperatoris cum ecclesia?“5 ab und befiehlt dasselbe den anderen donatistischen Bischöfen. Es geht das Gerücht um, dass die kaiserlichen Gesandten auf den Altären Götzenbilder aufstellen wollten, denen geopfert werden müsse. Die Angst davor sowie die vor einer neuen Verfolgung ruft v. a. in Numidien einen bewaffneten Aufstand hervor, der zu dramatischen Szenen führt. Der Bischof von Bagai beispielsweise verschanzt sich mit Circumcellionen in seiner Kirche und kommt bei der Erstürmung durch Soldaten um. Constans greift daraufhin im Sommer 347 das Edikt Konstantins von 316 wieder auf und erweitert es (sog. Unionsedikt): Er erlässt die Vereinigung beider Kirchen zugunsten der katholischen Gemeinde. Wieder einmal werden Kirchen und Güter der donatistischen Gemeinden beschlagnahmt und die donatistischen Bischöfe, die sich dem widersetzen, werden ins Exil geschickt. Auch wird die von den Donatisten praktizierte Wiedertaufe nun endgültig verboten. Eine große Anzahl von Donatisten tritt daraufhin zur katholischen Kirche über. Es kommt aber auch zu einigen wenigen Martyrien von Anhängern des donatistischen Glaubens, die aber umso mehr verehrt werden. Donatus und andere donatistische Führer werden verbannt; Donatus stirbt schließlich im Jahre 355 im Exil.

Im Jahre 348 findet ein weiteres katholisches Konzil in Karthago statt, in dem Gott für die wiederhergestellte Einheit der Christen in Nordafrika gedankt und die Wiedertaufe und die Verehrung falscher Märtyrer erneut verboten wird.

Doch 361 rückt ein neuer Kaiser nach: Julian Apostata, der sich offen gegen das Christentum stellt und an einer Schwächung der Kirche nur interessiert sein kann. Einige donatistische Bischöfe erbitten von Julian die Rückkehr aus dem Exil, was dieser im Jahre 362 gestattet. Zudem ordnet er die Rückgabe des ehemals donatistischen Eigentums an, was wiederum bürgerkriegsähnliche Zustände in Nordafrika hervorruft. Es werden Racheakte gegen katholische Städte verübt, katholische Kirchen geschändet und katholische Kleriker misshandelt. Allerdings wird nach der nur etwa zweijährigen Regierungszeit des Julian Apostata wieder die katholische Kirche begünstigt. Valentinian, der Nachfolger Julians auf dem Kaiserthron, bekräftigt das Verbot der bei den Donatisten praktizierten Wiedertaufe, was weitere Unruhen hervorruft, die aber gründlich niedergeschlagen werden. Wieder einmal werden die donatistischen Bischöfe verbannt und die donatistischen Kirchen den katholischen Gemeinden übereignet. Auch Privatgrundstücke, die die Donatisten für ihre Gottesdienste nutzen, werden beschlagnahmt.

Im Jahre 372 kommt es zur Usurpation des Firmus6, der von den Donatisten große Unterstütung erfährt. Diese benutzen Firmus zur Niederschlagung der Rogatisten, einer Splittergruppe innerhalb der Donatisten. Das Gesetz gegen die Wiedertaufe tritt nach dem Tode des Firmus im Jahre 374 oder 375 schließlich dennoch in Kraft. Gildo, der Bruder des Firmus und comes Africae Oberbefehlshaber der afrikanischen Truppen, greift 388 jedoch ebenfalls nach der Macht. Er pflegt eine enge Verbindung mit Bischof Optatus von Thamugadi, der als sein Berater fungiert. Gemeinsam beuten sie die nordafrikanischen Provinzen aus, was zahlreiche katholische Christen zum Anlass nehmen, zu den Donatisten überzulaufen, die weitgehend verschont blieben. Zeitweise gibt es nun (also um das Jahr 394) bis zu 400 donatistische Bischöfe, während die katholische Kirche nahezu bedeutungslos wird.

392 kommt es dann zu Streitigkeiten um den Bischofsthron von Karthago. Der neu gewählte Bischof Primianus hatte Streit mit seinem Diakon Maximianus, der den Versuch unternahm, das Presbyterium dazu zu bewegen, Primianus aus der donatistischen Kirche auszustoßen. Damit hatte er freilich keinen Erfolg, denn Maximianus war mit Donatus verwandt und genoss daher ein hohes Ansehen. Primianus spricht dennoch ein eigenmächtiges Verdammungsurteil gegen Maximianus aus, woraufhin dessen Haus vom Pöbel zerstört wird und seine Anhänger durch Terror eingeschüchtert werden. Eine in Karthago einberufene Synode von 43 Bischöfen lädt daraufhin Primianus vor, doch die Verhandlungen werden von Volksmassen und auch Staatsbeamten gestört, die die Kirchen besetzen, in denen getagt wurde. Die Synode muss ergebnislos abgebrochen werden. Am 24. Juni 393 wird eine weitere Synode nach Cabarussis einberufen, an der etwa 100 Bischöfe teilnehmen. Man beschließt die Absetzung des Primianus und wählt Maximianus zum neuen Bischof von Karthago. Eine Gegensynode tagt derweil mit 310 Bischöfen im numidischen Bagai und beschließt, Maximianus aus der donatistischen Kirche auszuschließen. Obwohl dies ein schismatisches Konzil war, werden seine Beschlüsse doch durch Gildo und die afrikanischen Beamten anerkannt. Maximianus besitzt jedoch nach wie vor breite Unterstützung v. a. im östlichen Nordafrika (also in den Provinzen Proconsularis, Byzacena und Tripolitana). 398 wird die Usurpation endlich niedergeschlagen, Gildo und Optatus kommen dabei ums Leben. In der Folgezeit kann sich die katholische Kirche erholen, seit 401 führt sie sogar eine gezielte Mission in den donatistischen Gemeinden durch. Bereits 411 gibt es nur noch etwa 280 donatistische Bischöfe, der Donatismus ist im Niedergang begriffen.

Demgegenüber gewinnen die Circumcellionen immer mehr an Bedeutung. Sie verüben vermehrt Anschläge auf den katholischen Klerus. Am 6. Juni 404 schickt man eine katholische Gesandtschaft zu Kaiser Honorius mit der Bitte um Schutz vor den Circumcellionen. Dieser erlässt am 12. Februar 405 das sog. Unionsedikt, in dem Donatisten nun eindeutig als Häretiker bezeichnet werden. Das kirchliche Eigentum der Donatisten wird den katholischen Gemeinden zugesprochen, donatistische Gottesdienste werden verboten, Kleriker, die sich widersetzen, werden verbannt, Laien mit einer schweren Geldstrafe belegt. Auch die Wiedertaufe wird bei Strafe verboten. Ursprünglich war die generelle Todesstrafe für Donatisten vorgesehen, doch durch die Einflussnahme Augustins7, dessen Äußerungen seit 395, bzw. 396 auf katholischer Seite großes Gewicht haben, kann sie jedoch abgewendet werden.

Vom 1. bis zum 8. Juni 411 finden dann erneut Religionsgespräche zwischen katholischen und donatistischen Christen statt, an denen von beiden Kirchen je ungefähr 270 Bischöfe teilnehmen. Das Ergebnis des Dialogs ist, dass die Versammlungen der Donatisten verboten und donatistische Kirchengebäude konfisziert werden. Den exilierten donatistischen Bischöfen wird jedoch die Rückkehr gestattet, aber nur, damit sie sich der katholischen Kirche reumütig wieder anschließen können.

Nach dem Vandaleneinfall in Nordafrika im Jahre 429 wird die Quellenlage sehr dürftig, belegt ist lediglich nochmals im Jahr 434 eine blutige Auseinandersetzung zwischen Donatisten und Katholiken. Nachweisbar ist die donatistische Kirche noch bis ins sechste Jahrhundert, bevor sie endgültig verschwindet.