Antiochia und das Christentum

Antiocheia am Orontes

Im Jahre 307 v. Chr. wurde einige Kilometer landeinwärts vom heutigen Antiochia durch Antigonos I. die nach ihm selbst benannte Stadt Antigoneia gegründet. Ein Jahr später erfolgte die Neugründung an der Stelle des heutigen Antakya durch Seleukos I. Nikator nach seinem Sieg über Antigonos I. Seleukos benannte die Siedlung nun zu Ehren seines Vaters Antiochos um. Antiochia liegt auf beiden Flussufern des Orontes, später kamen zwei weitere Siedlungsbereiche hinzu. Der griechische Geschichtsschreiber Strabo bezeichnet Antiochia daher auch als „Tetrapolis“ = Vier-Stadt. Im Jahre 83 v. Chr. wurde Antiochia durch den Armenier Tigranes und im Jahre 64 v. Chr. von Pompeius erobert. Seitdem war Antiochia römisch; es genoss den Status einer privilegierten Freistadt.

In den folgenden Jahrhunderten erlebte Antiochia eine höchst wechselvolle Geschichte. Um 115 n. Chr. zerstörte ein schweres Erdbeben die Stadt, während sich Kaiser Trajan dort aufhielt. Im Jahre 260 n. Chr. wurde Antiochia für kurze Zeit durch den Perserkönig Shapur I. in Besitz genommen, aber bald von den Römern zurückerobert. Nach der Anerkennung der christlichen Kirche durch Konstantin (313 n. Chr.) wurde Antiochia Sitz eines Metropoliten, später eines Patriarchen.

In den Jahren 526 und 528 zerstörten erneut schwere Erdbeben große Teile von Antiochia, und 540 wurde es durch Chosrau I. erneut von den Persern erobert. Es folgte die nochmalige römische Rückeroberung durch Justinian, der Antiochia wieder aufbauen ließ, aber nach weiteren Eroberungen in den Jahren 611 (Eroberung durch die Perser) und 628 (Rückeroberung durch Kaiser Heraklios) fiel Antiochia 638 an die Araber, von denen es 969 letztmalig durch den byzantinischen Kaiser Nikephoros Phokas zurückerobert wurde, bevor ab 1084 die Seldschuken über Antiochia herrschten.

Während der Zeit der Kreuzzüge wurde Antiochia 1098 durch Bohemund von Tarent erobert und blieb bis 1268 Hauptstadt des Fürstentums Antiochia.

Entstehung der christlichen Gemeinde

Zwischen 35 und 40 n. Chr. gründeten Hellenisten, die aus Jerusalem vertrieben worden waren, eine erste christliche Gemeinde in Antiochia.1 Die leitende Figur dieser Gemeinde war offenbar Barnabas.

Die antiochenische Gemeinde war offenbar von Anfang an eine aktive Missionsgemeinde. Zielgruppe der Mission waren zunächst sicher die zahlenmäßig sehr stark in Antiochia vertretenen Diasporajuden. Doch wurde schon sehr bald die Grenze des Judentums überschritten, und es entstand eine aus ehemaligen Heiden und ehemaligen Diasporajuden gemischte Christengemeinde.

Paulus schloss sich nach seiner Berufung zum Apostel der antiochenischen Gemeinde an. Daraufhin betrieben Barnabas und Paulus aktive Mission in Zypern und Kleinasien (Südgalatien).

Im Jahre 48 n. Chr. fand das sogenannte Apostelkonzil in Jerusalem statt.2 Die Vertreter der Gemeinden von Antiochia und Jerusalem verständigten sich darüber, dass das Bekenntnis zu Christus und die Taufe auf seinen Namen – also die Vollzugehörigkeit zur christlichen Gemeinde, die sich ja als Volk Gottes versteht – nicht die Beschneidung zur Voraussetzung hat. Dies bedeutete, dass die Gemeinde von Antiochia ihre beschneidungsfreie Heidenmission nun offiziell legitimiert weiter betreiben konnte. Gleichzeitig begann das frühe Christentum aus dem Rechts- und Religionsverband des Judentums herauszutreten.

Danach kam es allerdings in der antiochenischen Gemeinde zu Konflikten, die sich aus dem täglichen Zusammenleben von Juden und Nichtjuden in der gleichen Gemeinde ergaben. Besonders umstritten war die Frage nach den jüdischen Speisegeboten: In wie fern musste die Gesamtgemeinde – also auch die Christen nichtjüdischer Herkunft – auf die jüdischen Speisegebote, an die sich die Christen jüdischer Herkunft gebunden fühlten, Rücksicht nehmen? Oder mussten die Heidenchristen sogar selbst die jüdischen Traditionen übernehmen? Derartige Fragen drohten die antiochenische Gemeinde zu entzweien3

Paulus vertrat kompromisslos einen gesetzeskritischen Standpunkt. Er war der Meinung, dass die Heidenchristen sich keineswegs an die jüdischen Speisegebote halten müssten. Der Konflikt führte dazu, dass Paulus schließlich aus der Stadt weichen musste. Seitdem war Paulus nicht mehr Gemeindemissionar der Gemeinde von Antiochia, sondern unabhängig wirkender Apostel.

Petrus hielt die Verbindung zwischen Jerusalem und dem nun eher judenchristlich geprägten Antiochia aufrecht. Dass Petrus aber der erste Bischof von Antiochien gewesen sein soll – wie zuerst von Hieronymus behauptet – ist ein Märchen.

1.: Es gab damals noch keine Bischöfe.

2.: Petrus hat zu keiner Zeit die Gemeinde geleitet. Die einzige Leitungsfigur aus dieser Zeit, die uns bekannt ist, ist Barnabas.

Die Entwicklung
der antiochenischen Gemeinde

Bischof Ignatius von Antiochien – nach gängiger Auffassung um das Jahr 112 als Märtyrer in Rom gestorben – schrieb auf dem Transport in die Reichshauptstadt mehrere Briefe an die Gemeinde von Antiochia, die eine wichtige Quelle für die Theologie Antiochias im frühen 2. Jahrhundert darstellen. Hier zeigt sich eine große Nähe zu paulinisch geprägten Traditionen.

Eusebius von Cäsarea überliefert in seiner Kirchengeschichte eine Liste der Bischöfe von Antiochia: 1. Euodios, 2. Ignatius, 3. Heros, 4. Kornelios, 5. Eros, 6. Theophilos, 7. Maximinos. Nach Hieronymus ist schon Theophilos der 7. Bischof, weil Hieronymus die Liste mit Petrus beginnt. Allerdings sind alle diese Listen weitgehend aus der Retrospektive konstruiert und besitzen wohl nur geringen historischen Wert.

Nach Ignatius ist Theophilos der zweite Theologe aus Antiochia, von dem Schriften überliefert sind. Gestorben ist Theophilos zwischen 180 und 191 n. Chr. Erhalten sind von ihm drei Bücher „Ad Autolycum“, eine apologetische Schrift, gerichtet an einen fiktiven Adressaten Autolycos.

Die nächste historische Notiz zur frühen Geschichte der antiochenischen Gemeinde erhalten wir während der Christenverfolgung unter Decius. Hier erlitt der antiochenische Bischof Babylas das Martyrium. Die nächste interessante Figur der antiochenischen Gemeinde ist Paul von Samosata, 261 - 270 Bischof von Antiochia. Von ihm wissen wir allerdings nur, dass er als angeblicher oder tatsächlicher Häretiker verurteilt wurde. Wir besitzen von ihm keinerlei Schriften, so dass gesicherte Aussagen über diese Vorwürfe nicht gemacht werden können. Paul stammt offenbar aus Samosata, der Hauptstadt des Königreichs Kommagene (vgl. S. 195ff.). Er gehörte vermutlich der dortigen Oberschicht an. Nach antikgen Quellen stammte er angeblich aus einfachen Verhältnissen, wurde später aber reich. Vielleicht hatte er ein Amt als Staatsbeamter inne.

Paul von Samosata wurde von zwei Synoden abgesetzt, weigerte sich aber, die Hauptkirche von Antiochia zu räumen. Erst als sich die neue Gemeindeleitung an den (heidnischen!) Kaiser Aurelian wandte, konnte man ihn aus der Kirche vertreiben. Diese Ereignisse können wohl erst 272 stattgefunden haben, nachdem Aurelian Antiochia zurückerobert hatte. Denn Zenobia, Königin von Palmyra, hatte zwischenzeitlich Syrien, Ägypten und Kleinasien erobert um dort ein selbstständiges Reich zu etablieren. Paul von Samosata wird auch als Parteigänger und Berater der Zenobia bezeichnet. Ob das stimmt, lässt sich nicht mehr überprüfen. Entweder hat er sich während der Besetzung Antiochias durch die Palmyrener mit der neuen Oberherrschaft gut gestellt, oder es handelt sich um Verleumndung, um ihn bei Aurelian anzuschwärzen.

An der Wende vom dritten zum vierten nachchristlichen Jahrhundert war Antiochia ein bedeutender Sitz theologischer Gelehrsamkeit. Die antiochenischen Theologen waren weniger spekulativ als die Alexandriner oder dann die Jungnicäner, sondern sie waren eher exegetisch-biblisch orientiert. In der Schriftauslegung übten sie deutliche Zurückhaltung gegenüber der Allegorese (Origenes). Typisch für die antiochenische Theologie ist Theodor von Mopsuhestia. Auch der Presbyter Lukian († 312 während der Diokletianischen Verfolgung), der sich um die Revision der Septuaginta bemühte, also im Wesentlichen grammatische Arbeit leistete, kann als typischer Vertreter der antiochenischen Theologie angesehen werden.

Berühmt ist auch Johannes Chrysostomos (* 349 in Antiochia; † 407 in Konstantinopel). Er war eng mit dem gleichaltrigen Theodor von Mopsuhestia befreundet. Bevor er im Jahre 386 Presbyter in Antiochia wurde, hatte er ein asketisches Leben in den Bergen außerhalb der Stadt geführt. Johannes Chrysostomos war ein gefeierter Prediger.4 Überliefert sind von ihm 17 Abhandlungen und mehr als 700 Predigten. Ein erheblicher Teil dieser Predigten stammt aus seiner Zeit in Antiochia, und sie sind auch eine reiche Quelle für das Leben der Stadt Antiochia, die Beziehungen der Christen zu Heiden und Juden, über tagespolitische Fragen usw.

Seine Beliebtheit drang bis an den Hof von Konstantinopel. Im Jahre 398 wurde Johannes Chrysostomos unter einem Vorwand in die Reichshauptstadt gelockt und gegen seinen Willen zum Bischof von Konstantinopel gemacht. Hier versuchte Johannes seine Ideale vom einfachen asketischen Leben eines Geistlichen auch den anderen Priestern und Bischöfen zu vermitteln; er wetterte gegen Luxus, Verschwendungssucht etc. und hielt sich vom üppigen Leben am kaiserlichen Hofe fern, was ihm natürlich zahlreiche Feinde einbrachte. Sein ungeschicktes Verhalten bei kirchenpolitischen Konflikten führte schließlich im Jahr 403 zu seiner Amtsenthebung und sogar zur Verbannung nach Kappadokien, wo Johannes Chrysostomos im Jahre 407 starb.

Libanios und Julian Apostata

Im vierten nachchristlichen Jahrhundert gab es in Antiochia eine pagane Gegenreaktion gegen das sich ausbreitende Christentum. Bedeutendste Vertreter dieser Bewegung war Libanios (* 314 † 393). Er stammte aus Antiochia und war Abkömmling einer Patrizierfamilie. Libanios hatte ein Rhetorikstudium absolviert und war so erfolgreich, dass er bereits mit 25 Jahren Rhetorikprofessor in Athen war. Er wirkte aber auch in den Städten Konstantinopel, Nikomedien und ab 354 in Antiochia. Libanios lehnte als Vertreter der paganen Religiosität das Christentum konsequent ab.

In den Jahren 362 bis 363 hielt sich Kaiser Julian Apostata in Antiochia auf, um seinen Perserfeldzug vorzubereiten. Libanios gehörte zu dessen engstem Berater- und Freundeskreis. So ist es auch kaum verwunderlich, dass Julian Apostata während seines Aufenthaltes in Antiochia den Versuch unternahm, viele alte heidnische Kulte wiederzubeleben.

Die Entwicklung nach Chalcedon

Nach dem Konzil von Chalcedon begannen sich im Hinterland von Antiochia monophysitische (antichalcedonensische) Gemeinden zu sammeln. Im syrischen Hinterland und der Umgebung Antiochias ist zugleich das Mönchtum sehr wichtig. So siedelte sich der Säulenheilige Symeon Stilites der Jüngere in den Bergen bei Antiochia an und gründete dort ein Kloster, das Anziehungspunkt für zahlreiche Pilger wurde.